„… und laß, falls noch einer ein Andenken an mich haben will, sich jeden ein Buch aus meinem Bücherschrank aussuchen …“

Kurt Nehrling

Eckenerstraße 1

An einem kalten Dezembertag 1943, kurz vor Weihnachten, wird Kurt Nehrling erschossen. Der Tod ist die „Strafe“ dafür, im Gespräch mit seinen Arbeitskollegen am Sinn des Krieges gezweifelt zu haben.

Das Todesurteil wird vom Obersten SS- und Polizeigericht München am 23. Oktober 1943 folgendermaßen begründet:

„Der Schicksalskampf des deutschen Volkes verlangt vom gesamten Volk die höchste Anspannung aller Kräfte und fordert von allen Volksgenossen an der Front und in der Heimat die grössten Opfer.
Wer von den Volksgenossen, die nicht an der Front für die Zukunft des deutschen Volkes ihr Leben einsetzen können, in diesem schwersten Kampf, an statt den entschlossenen Willen zum Siege zu stärken fortgesetzt in hinterhältiger Weise öffentlich durch Herabsetzung der Leistungen und Haltung des eigenen Volkes durch Hervorhebung angeblicher Vorzüge des Feindes den Glauben an den Sieg und an die Notwendigkeit des Sieges zur Erhaltung des deutschen Volkes zu nehmen sucht, hat sein Leben verwirkt.“1

Lässt man das für die Propaganda des Dritten Reichs typische Pathos beiseite und ersetzt wertende Formulierungen wie „Schicksalskampf“ mit emotional weniger stark aufgeladenen Begriffen wie „Krieg“, „Opfer“ mit „Einschränkung“, „entschlossener Wille zum Siege“ mit „Kriegsmotivation“ und „Erhaltung des deutschen Volkes“ mit „Eroberung und Besetzung von osteuropäischen Staaten“, so dringt man zum Kern der Aussage vor:

Dem Krieg sind alle gesellschaftlichen und ökonomischen Belange untergeordnet. Wer Zweifel daran sät, dass der Krieg beziehungsweise die Eroberung anderer Länder sinnvoll und nötig ist, soll sterben.

Sicherlich ist ein Krieg für das Überleben der deutschen Bevölkerung weder nötig noch – wie inzwischen, nach der Schlacht um Stalingrad, offensichtlich – förderlich. Allerdings ist Krieg ein überaus bewährtes Mittel zum Erhalt und Ausbau der Macht der Herrschenden. Doch findet der Krieg zur Wahrung der Interessen der Machthaber nicht nur nach außen hin statt, sondern auch im Innern. Kritiker – d. h. Menschen, die Fakten von Bewertungen trennen können, ihren eigenen Wahrnehmungen trauen und daraus vernünftig Schlüsse ziehen – werden mundtot gemacht. Sei es, dass ihre Bücher verbrannt, ihre Vereine, Parteien und Zeitungen verboten werden, sei es, dass sie inhaftiert oder ermordet werden.

Der Weimarer Kurt Nehrling ist einer jener Kritiker. Den größten Teil seines 44-jährigen Lebens hat er damit verbracht, sich in das politische Geschehen Thüringens einzubringen.

Frühe Prägungen

Am 13. Februar 1899 wird er in die Gastwirtsfamilie Nehrling geboren. Seine Eltern Max und Emma betreiben in der Weimarer Jakobstraße die unter Arbeitern und SPD-Mitgliedern beliebte Kneipe „Zum Goldenen Stern“. Kurt wächst mit dem Geruch von Tabak und Bier in der Nase auf, die politischen Debatten der Bewohner seines Viertels sind Teil seines Alltags.
Zu dieser Zeit ist die Jakobsvorstadt durch Kleingewerbler, Arbeiter und Bedienstete geprägt und geht im Norden und Osten in Arbeiterwohngebiete über. In diesem proletarisch-politischen Milieu gedeiht zu Beginn des 20. Jahrhunderts die SPD.
Mit 14 Jahren, nach Abschluss der Schule, beginnt Kurt Nehrling eine dreijährige Schlosserlehre. Danach, mitten im Ersten Weltkrieg, verlässt er seine Heimatstadt für eine sechsmonatige Ausbildung zum Marinemaschinisten-Anwärter in Bremerhaven. Ob es ihn in den Krieg oder lediglich auf das Meer zieht, ist nicht überliefert – jedenfalls verpflichtet er sich im Frühjahr 1917 freiwillig für vier Jahre in der kaiserlichen Marine.
Doch schon im Herbst desselben Jahres macht der Ausbruch einer Lungentuberkulose diesen Plan zunichte – und nicht nur diesen: Sein Auskommen kann er nun nicht mehr als Schlosser, Maschinist oder durch andere körperliche Arbeit erwirtschaften.

Gesundet und zurück in Weimar tritt er 1919 der SPD bei und wird Angestellter bei der Weimarer Kreisdirektion. Dort lernt er die drei Jahre ältere Marie Prox kennen, die 1921 seine Frau wird. Ein Jahr darauf bekommen sie ihre Tochter Ursula. Doch ist die Begegnung mit Marie auch in weltanschaulicher Hinsicht bedeutend, denn Maries Vater Emil Prox ist SPD-Stadtrat und ein angesehener, belesener Sozialdemokrat. Emil und Kurt verbringen viele Stunden im Gespräch darüber, wie und nach welchen Prinzipien die Gesellschaft gestaltet werden sollte. Kurts Schwiegervater vertritt dabei fortschrittliche und humanistische Standpunkte, so unterschreibt er – zusammen mit Harry Graf Kessler, Albert Einstein, Heinrich Mann und vielen anderen – 1925 beispielsweise eine Denkschrift, die für die rechtliche Gleichstellung Homosexueller eintritt. Kurts Sohn Heinz Nehrling berichtet später von Familiengesprächen, denen zufolge „Opa Prox der erste sozialdemokratische Beigeordnete der Stadt […] [war und] seinen jungen Schwiegersohn maßgeblich in sozialdemokratisches Gedankengut eingeführt und beeinflußt hat.“2
Von nun an nimmt die Politik eine bestimmende Rolle in Kurt Nehrlings Leben ein.

1923 wechselt Kurt Nehrling von der Weimarer Kreisdirektion ins Thüringer Wirtschaftsministerium und wird noch im selben Jahr als Ministerialkanzleisekretär verbeamtet. Er engagiert sich auch außerhalb des Ministeriums in der politischen Arbeit und tritt für die Weimarer Republik ein.
Diese braucht dringend Fürsprecher, denn sie übernimmt das Erbe des militaristischen Kaiserreichs: eine vom Hierarchiedenken geprägte Gesellschaft, die gelernt hat, auf Konflikte mit Gewalt statt mit Dialog zu reagieren. Viele der 5 Millionen aus dem Krieg zurückgekehrten Soldaten suchen Halt in straff organisierten Kampfverbänden, von denen einige den Parteien von ganz rechts bis ganz links angegliedert sind. Als Reaktion auf die rechten und linken Umsturzversuche von 1923 gründet sich im Januar 1924 das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das der SPD nahesteht und bald mit 3 Millionen Mitgliedern der größte Veteranenverband ist. Kurt Nehrling tritt dem Reichsbanner kurz nach seiner Gründung bei.

Im Juli 1924 stirbt Marie bei der Geburt des zweiten Kindes. Da von dem Kind an keiner Stelle wieder die Rede sein wird, ist davon auszugehen, dass es selbst auch nicht überlebte. Nach diesem Schicksalsschlag kümmert sich Kurt zunächst allein um seine Tochter Ursula; doch findet er zur Jahreswende 1927 mit seiner zweiten Frau Hedwig ein neues Glück. Im Frühjahr 1928 bekommt Ursula einen Bruder, Heinz.

Der Weg in die Diktatur – und in den Widerstand

Wenige Monate nach Kurt Nehrlings Beförderung zum Ministerialsekretär 1929 bricht seine Tuberkulose erneut und heftig aus. Er ist lange Zeit krank und arbeitsunfähig, Ende Februar 1931 muss er schließlich den Dienst aufgeben. Schon seit 1930 versucht Thüringens Innen- und Volksbildungsminister Frick von der NSDAP, SPD-Angehörige aus ihren Beamtenverhältnissen zu verdrängen, um die Verwaltungen der Ministerien schnell und gründlich auf die politischen Interessen der NSDAP auszurichten. So erhält er von Hitler die Weisung, die Verwaltung und den Beamtenkörper von politischen Gegnern zu „säubern“ und das Schulwesen, Lehrer wie auch die Lehrinhalte auf nationalsozialistische Linie zu bringen.3

Am Zeppelinplatz befand sich das Ladengeschäft der Nehrlings.

Mit dem Einzug der NSDAP 1932 in den Thüringer Landtag als stärkste Partei verliert Kurt Nehrling jede Aussicht auf einen Rückkehr in den Dienst. Er wird 1933 formal in den Wartestand und 1938 – mit 39 Jahren – vorzeitig in den Ruhestand versetzt.
Der Verlust der Arbeit bringt die Familie in finanzielle Nöte. Kurt und Hedwig versuchen, ihre Familie über die Runden zu bringen, indem sie Anfang 1932 ein provisorisches Wäsche- und Wollgeschäft in ihrer Wohnung im Heimstättenweg (heute Kurt-Nehrling-Straße) eröffnen. Später mieten sie hierfür einen Eckladen am Zeppelinplatz an. Während der dreißiger Jahre wird das Wäschegeschäft ein Treffpunkt ehemaliger Mitglieder der inzwischen verbotenen SPD und vor allem der Arbeiterjugend des Viertels. Eine Widerstandsgruppe bildet sich aus, zusammengehalten und koordiniert von Hans Eberling und Kurt Nehrling.
Sie treffen sich zur Diskussion und Absprache in Wohnungen, bei Garten- und vermeintlichen Familienfesten. Vorgetäuschte Fahrradpannen auf verlassenen Landstraßen dienen dazu, Informationen und im Fahrradrahmen transportiertes illegales Material auszutauschen.
Kurt Nehrling hält die Verbindung zu anderen Gruppen in Erfurt, Berlin und Wien. Auch mit Widerstandsgruppen in Leipzig, Gera, Nordhausen und Koblenz steht die Gruppe im Kontakt. Allerdings gehen diese Außenkontakte mit einem hohen Risiko einher, von der Gestapo entdeckt zu werden. So erinnert sich Hans Eberling im Oktober 1945:

„Unsere Genossen in Gera waren aufgeflogen über eine Bewegung, die sich Neubeginnen nannte. Langjährige Zuchthausstrafen, denen ich nur durch die tadellose Haltung unserer Genossen entging, rissen uns auseinander. In Erfurt griff die Gestapo ein, die KPO [eine kommunistische Widerstandsgruppe] in Weimar flog ebenfalls auf. Bei ihr ging auch der letzte Mann ins Gefängnis. In Nordhausen wurde die Arbeit durch unsichere Personen in Frage gestellt.“4

„Solche Leute wie Nehrling müssten aufgehängt werden“

Zu Kriegsbeginn wird Kurt Nehrling, der aufgrund seiner schlechten Gesundheit nicht eingezogen werden kann, als Buchhalter beim Polizeipräsidium dienstverpflichtet. Zugleich beschließt die Widerstandsgruppe, dass er „der illegale Mann sein sollte, über den alle Verbindungen zu gehen hatten“.5 Seine Position ist heikel, sein Vorgehen gewagt: Mit Kollegen auf dem Polizeipräsidium versucht er, ins politische Gespräch zu kommen und sie zu kritischem Denken anzuregen. Er widerspricht offen der NS-Propaganda, indem er beispielsweise – so vermerkt es später die Urteilsbegründung – „die Begeisterung seiner Kameraden [für den Krieg] nicht […]teilt“ und „vielmehr auch den Gegnern Begründungen für ihren Kriegseintritt [einräumt]“.6
Auch seine Skepsis bezüglich der gleichgeschalteten Medien wird ihm später zur Last gelegt:
„Oft sagte der Angeklagte, man könne nicht alles glauben, was den Volksgenossen erzählt werde und in den Zeitungen stehe. Alle politischen Tagesereignisse, die Wehrmachtberichte und Sondermeldungen unterzog er einer kritischen Betrachtung und versuchte, zu überzeugen, dass seine Einstellung, der marxistische Standpunkt, richtig sei.“7

1942 geht das Wort im Präsidium um, dass „solche Leute wie Nehrling […] aufgehängt werden [müssten]“.8 Überstürzt und in der Hoffnung, der brenzligen Situation zu entgehen, stellt er einen Antrag auf Versetzung. Einen Tag danach denunziert ihn einer seiner Mitarbeiter, schreibt ein Protokoll seiner Äußerungen und leitet es an die Gestapo weiter.
Kurt Nehrling wird zum 1. Dezember 1942 vom Dienst suspendiert. Er und sein Verteidiger erwarten eine Verurteilung nach dem „Heimtückegesetz“, das kritische Äußerungen über das Reich, die Regierung oder die NSDAP kriminalisiert. Bisher sind Strafen von ein bis zwei Jahren Zuchthaus üblich, eventuell auch die Einweisung in ein Konzentrationslager – was für Kurt Nehrling in seiner gesundheitlichen Verfassung den Tod bedeutet hätte. Doch während das Verfahren gegen ihn vorbereitet wird, kesseln sowjetische Truppen die 6. Armee in einem kräftezehrenden und verlustreichen Häuserkampf in den Ruinen Stalingrads ein. Hitler lädt die Schlacht um die Stadt, die den Namen seines Gegners trägt, mit schicksalhafter Bedeutung auf, spricht vom „Symbol des deutschen Siegeswillens“ und befiehlt stur das Ausharren der erschöpften und unterernährten Soldaten bei bis zu 40 Grad unter Null. Die Niederlage der 6. Armee im Januar 1943 bedeutet auch die Widerlegung des Mythos der deutschen Unbesiegbarkeit. Der Bevölkerung wird klar, dass Deutschland den Krieg verlieren kann. Kritische Stimmen werden von nun an noch härter bekämpft, abschreckende Präzedenzfälle geschaffen.

Am 16. Februar wird Kurt Nehrling verhaftet, „weil die Aufrechterhaltung der militärischen Manneszucht die Verhaftung erfordert“9 – so der Haftbefehl. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, behauptet zu haben, „die Sowjet-Union habe keinen Angriffs- sondern einen Verteidigungskrieg vorbereitet, die russischen Soldaten kämpften aus Vaterlandsliebe und nicht infolge des Antreibens der Kommissare, […] die Kultur – zum mindestens [sic] in den russischen Städten – stehe der deutschen nicht nach“.
Die Unterlagen zu Nehrlings Verfahren zeigen, dass seine Kollegen ihn gnadenlos denunziert haben.
Da in dem Verfahren am Obersten SS- und Polizeigericht München Kurt Nehrlings Verbindungen zu anderen Kritikern und Sozialdemokraten nicht weiter untersucht werden, bleiben die Mitglieder seiner Widerstandsgruppe unbehelligt. Doch Kurt Nehrling wird nach sieben Monaten Haft wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt. Ein Gnadengesuch seines Schwiegersohns Karl Feuerstein an den Reichsführer-SS Himmler wird von diesem abgewiesen, stattdessen ordnet er er „die sofortige Vollstreckung“11
an.

„Ich werde sterben in dem Bewußtsein, das Beste gewollt zu haben“

Als Kurt Nehrling von seinem Urteil erfährt, versucht er, ruhig zu bleiben. Er regelt seinen Nachlass, bemüht sich um ein paar letzte klare Gedanken zur Zukunft seiner Familie und des Geschäfts, nimmt Abschied von seiner Frau, seinen Kindern und den Freunden:

„Meine liebe Heddy!
Ein schönes Weihnachtsfest! Ich wurde heute früh aus Stadelheim abgeholt u. soeben wurde mir eröffnet, daß das gegen mich ergangene Todesurteil heute um 14 Uhr hier vollstreckt wird. […] Ich bitte Dich, nicht zu verzweifeln und den Mut nicht zu verlieren, auch wenn ich nicht mehr bei Euch bin. […] Grüße alle Bekannten von mir, ich denke in dieser Stunde an jeden Einzelnen u. laß, falls noch einer derselben ein Andenken an mich haben will, sich jeden ein Buch aus meinem Bücherschrank aussuchen. […] In Gedanken küsse ich Euch nochmals, Grüße bitte besonders meine Eltern u. sage ihnen, das hätte ich nicht verdient.
Ich werde mit dem Gedanken an Euch sterben u. dem Bewußtsein, das Beste gewollt zu haben.
Dein Kurt.“12

Wenige Stunden später wird er im Konzentrationslager Dachau ermordet.

(Individuelle Häftlingsunterlagen des Konzentrationslagers Dachau, 01010602 oS, ITS Digital Archive, Arolsen Archives)

1 Stein/Wohlfeld: Sozialdemokraten gegen Hitler, S. 19

2 Ebd., S. 7

3 vgl. Gräfe: Gestapo, Bd. 1, S. 39

4 Stein/Wohlfeld: Sozialdemokraten gegen Hitler, S. 38

5 Ebd., S. 39

6 Ebd., S. 13

7 Ebd., S. 15

8 Ebd., S. 9

9 Ebd., S. 4

10 Ebd., S. 13 ff.

11 Ebd., S. 22

12 Ebd., S. 27

Quellen:
Udo Wohlfeld, Harry Stein: Sozialdemokraten gegen Hitler: Die Widerstandsgruppe Nehrling-Eberling in Weimar, Geschichtswerkstatt Weimar/Apolda, Weimardruck, Weimar 2003
Marlis Gräfe u.a.: Quellen zur Geschichte Thüringens: Die Geheime Staatspolizei im NS-Gau Thüringen 1933–1945, Band 1, Landeszentrale für politische Bildung, Erfurt 2008

Weitere Literatur:

Ulrich Völkel (Hg.): Stolpersteingeschichten Weimar, Weimar 2016, Eckhaus-Verlag