Aktuelles

Stolpersteinverlegung am 16. August 2021

Wir freuen uns, dass am Nachmittag des 16. August ab 15 Uhr endlich die nächste Stolpersteinverlegung stattfinden kann.

Dank unserer Stolpersteinpaten und -patinnen können wir erinnern an:

Erika Haase – Karlstraße 7
Kurt und Peter Sachs – Luthergasse 1
Else Fretzdorff – Humboldtstraße 5
Karl Sachs – Brucknerstraße 11
Ludwig Leopold – Ernst-Kohl-Straße 27
Else Carillon – Carl-von-Ossietzky-Straße 34
Anneliese Meister – Gretelweg 5

Die Verlegung findet in der hier angegebenen Reihenfolge statt.

Über die Verlegung hinaus wollen wir in diesem Jahr verstärkt die Geschichte des jüdischen Lebens in Weimar in den Blick nehmen. Seit dem 14. Jahrhundert gehörte es zur Stadt, zu ihrer Kultur, Wirtschaft und zu ihrem Alltag dazu – und wurde doch immer wieder über Jahrzehnte bis Jahrhunderte (!) ausgeschlossen, verfolgt und eingeschränkt. Das Themenjahr “Neun Jahrhunderte jüdisches Leben” in Thüringen nehmen wir zum Anlass, ein Stück weiter als bisher zurück in die Geschichte zu blicken und auf Rundgängen und in einer Hybrid-Ausstellung (online und im öffentlichen Raum) das jüdische Leben in Weimar – und die Mechanismen seiner Ausgrenzung – vorzustellen.
Ein erster Rundgang zum jüdischen Leben in Weimar wurde am 22. Juni in Zusammenarbeit mit der VHS Weimar angeboten, er wird im Oktober wiederholt.

Es wird im Spätsommer zudem zwei kostenfreie Rundgänge geben, die sich stärker mit der Ausgrenzungsthematik befassen. 

Im Herbst eröffnen wir eine Ausstellung zum Thema. Sie wirft Schlaglichter u. a. auf die berufliche, schulische, kulturelle und politische Ausgrenzung jüdischen Lebens, erläutert, wie und von wem diese Ausgrenzungsformen ermöglicht wurden, und gibt Beispiele aus dem Weimarer Alltagsleben.

Einen weiteren Rundgang bieten wir in Zusammenarbeit mit der AG Biologiedidaktik der Universität Jena an, welche am 23. September eine hochinteressante Tagung veranstaltet: “Den Begriff ‘Rasse’ überwinden”. Sie knüpft an die Jenaer Erklärung an, welche klarstellt: “Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung.”
Die für Teilnehmer*innen kostenfreie Tagung wendet sich mit Vorträgen, Workshops und Exkursionen an Lehrende, Studierende und die interessierte Öffentlichkeit; eine dieser Exkursionen führt mit uns zu Weimars Stolpersteinen.

Wir freuen uns sehr, dass unser Projekt dank der finanziellen Unterstützung durch den Lokalen Aktionsplan Weimar und Mittel der Thüringer Staatskanzlei ermöglicht wird, und laden herzlich zu Rundgängen, Verlegung und Ausstellungsbesuchen ein!

 

 

 

 

 

 

Dezember 2020

„… nicht als Objekt zu behandeln, sondern als Mensch.“

Virtuelle Podiumsdiskussion zu den nationalsozialistischen Euthanasiemorden in Thüringen und dem heutigen Umgang mit „Normalität“

Wir freuen uns, folgende Teilnehmer*innen gewonnen zu haben:

Diskussionsgäste:

        • Lisa Caspari, wissenschaftlich-pädagogische Projektmitarbeiterin am Erinnerungsort Topf & Söhne
        • Tina Rudolph, Medizinethikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der FSU Jena
        • Thea Jacob, Freie Historikerin
        • Doreen Hadlich, Mitarbeiterin der Verwaltung und Beirätin im Lebenshilfewerk Weimar/Apolda e. V.

Moderation:
Dr. Justus Ulbricht, Historiker und Publizist

Herzlichen Dank an euch und an alle, die durch ihre technische Unterstützung recht kurzfristig noch eine „coronasichere“ Variante auf die Beine gestellt haben.

Ein kurzer Blick auf den historischen Hintergrund der Diskussion:

Dem Verbrechen der nationalsozialistischen „Euthanasie“ liegen das Konzept der „Volksgemeinschaft“ und die Eugenik, die Erbgesundheitslehre, zugrunde.

Der Leipziger Volksbrockhaus aus dem Jahr 1943 definiert „Volksgemeinschaft“ – ein zentraler Begriff der NS-Ideologie – als „die auf blutmäßiger Verbundenheit, auf gemeinsamem Schicksal und auf gemeinsamem politischem Glauben beruhende Lebensgemeinschaft eines Volkes“. Der Begriff wurde schon im ausgehenden 19. Jahrhundert häufig verwendet und diente als Gegenbild zur modernen, von Konflikten und sozialen Gegensätzen geprägten „Gesellschaft“. Der Soziologe Ferdinand Tönnies beschreibt 1887 die Volksgemeinschaft als eine Verbindung durch gewachsene Strukturen. Eine „Gemeinschaft“ aus Familie, Nachbarschaft und Volk stand dem egoistischen Individualismus der „Gesellschaft“ gegenüber.

Für die NSDAP und in den Reden Adolf Hitlers spielt der Begriff der Volksgemeinschaft eine große Rolle. Sein Konzept beinhaltet zwei wesentliche Elemente: das der Gemeinschaft, die eine Weltanschauung – und nicht einfach nur eine politische Idee – verbindet, und das der Zugehörigkeit dieser Gemeinschaft zur „arischen Rasse“. Volksgenosse oder -genossin konnte also nur sein, wer als „arisch“ galt, außerdem war das Bekenntnis zum Führerprinzip bzw. zum Führer selbst notwendige Voraussetzung dafür, ein vollwertiges Mitglied zu sein. Unterordnung und Gehorsam wurden belohnt mit Bevorteilung und der Inszenierung von Gleichheit, Solidarität und Zusammengehörigkeit.
Die Organisation der Bevölkerung in NS-Organisationen wie Hitlerjugend, Bund deutscher Mädel, SA, SS, Deutsche Arbeitsfront und nicht zuletzt in der Partei selbst, die unzählige Kreis- und Ortsgruppenleiter, Block- und Zellenwarte bis in den letzten Winkel des Landes hatte, führte zu einem engmaschigen Netz der sozialen Kontrolle, aber auch der Machtteilhabe im Sinne nationalsozialistischen Ideologie.
Demokraten, Kommunisten, Gewerkschaftler und alle, die sich der nationalsozialistischen Erziehung – eine Grundbedingung für den Erfolg der NS-Politik – widersetzten, waren nicht einfach Gegner der Nazis, sondern wurden aus der „deutschen Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen. Ohnehin an den Rand gedrängt waren Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, aber auch Kranke und dauerhaft Hilfsbedürftige. Exklusion gehört wesentlich zur Idee der „Volksgemeinschaft“ und zeigte sich in verwehrten Mitgliedschaften in Organisationen, Berufs- und Schulverboten, Eheverboten mit „arischen“ Partnerinnen oder Partnern bis hin zu Zwangssterilisationen, Zwangsarbeit und Ermordungen.

Das Ziel der „Volksgemeinschaft“ war also keine Gemeinschaft der sozialen Geborgenheit und Gerechtigkeit, sondern der Aufbau einer geschlossenen und leistungsfähigen sowie unmissverständlich „erb- und rassenbiologisch“ definierten Nation.

Die Vorstellung einer Gemeinschaft „deutschen Blutes“ war eng verklammert mit der Auffassung, die Deutschen würden einen „Volkskörper“ bilden, dessen „Reinheit“ durch „Rassenhygiene“ hergestellt und gesichert werden müsse.
Dieser „erb- und rassenbiologische“ Aspekt beruht auf den Theorien der Eugenik, die in der Weimarer Republik insbesondere ab der Veröffentlichung 1920 von Alfred Hoches und Karl Bindings Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ eine breitere gesellschaftliche Rezeption und Diskussion erfuhren.
Es lässt sich eine Radikalisierung im Umgang mit ethischen Werten beobachten: Mit Hilfe des trojanischen Pferdes der „objektiven Wissenschaft“ werden menschenfeindliche Forderungen in den politischen und gesellschaftlichen Diskurs eingeführt.

Wenige Jahre später, 1923, wurde der erste deutsche „Lehrstuhl für Rassenhygiene“ in München eingerichtet. Auf dem Nürnberger Parteitag der NSDAP 1929 erklärte Hitler schließlich öffentlich, würde man von den im Deutschen Reich pro Jahr 1 Million Neugeborenen etwa 700.000 bis 800.000 der Schwächsten beseitigen, würde das eine Stärkung der Nation bedeuten.

Im NS-Staat galten jene als „lebensunwert“, die psychische, physische oder seelische Beeinträchtigungen hatten oder als Angehörige einer „minderwertigen Rasse“ angesehen wurden.
Das wissenschaftlich unhaltbare Konzept der Menschenrasse wurde genutzt, um eine vermeintlich objektive Begründung für die ungleiche Behandlung von Menschen liefern zu können: Die „Rasse“ unterschied sie, und diesem Unterschied“ wurde eine Wertigkeit beigelegt – bis hin zur Negierung jeglichen Werts im monströsen Schlagwort des „lebensunwerten Lebens“.

Auf diesen Grundlagen wurden Fakten geschaffen, die tief in das Leben der Menschen einschnitten: von der systematischen Erfassung und Zwangsbehandlung von „Erbkranken“ über erbbiologisch ausgerichtete Ehevorschriften (u.a. Verbot von „Mischehen“ zwischen „arischen“ und „jüdischen“ Personen) und zunehmend häufige Einweisungen von sozial auffälligen und kranken Personen in Heime – die zunehmend Arbeitshäusern glichen – und Heil- und Pflegeanstalten – die eigentlich Tötungsanstalten waren – bis hin zur Ermordung von kranken Kindern im Rahmen der geheimen „Kindereuthanasie“ und dem Massenmord an Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalten im Deutschen Reich in seinen besetzten Gebieten.

In Zahlen ausgedrückt: Bis 1945 wurden thüringenweit ca. 16.000 Sterilisationen durchgeführt, reichsweit etwa 400.000. Circa 300.000 Männer, Frauen und Kinder wurden zwischen 1939 und 1945 im Rahmen der Euthanasieaktionen durch Vergasung, Medikamentenüberdosis oder -entzug und Verhungernlassen ermordet.

In Weimar wurde neben vielen anderen das Mädchen Erika Haase Opfer der nationalsozialistischen Euthanasiemorde. Ihr Leben ist hier nachgezeichnet. Für Erika Haase, zu deren Leben und Sterben am 20.12.2020 ein Artikel in der Thüringer Allgemeine erschienen ist, wird 2021 ein Stolperstein verlegt.

 

 

 

 

 

 

November 2020 

Pressemitteilung zum Gedenken an die Opfer der Novemberpogrome in Weimar

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 erfuhr der organisierte Antisemitismus des NS-Regimes mit Gewaltexzessen und der Verschleppung von Juden – darunter auch Weimarer – in das Konzentrationslager Buchenwald einen vorläufigen grausamen Höhepunkt.

Es folgten das Verbot für Juden, öffentliche Kultur- und Bildungseinrichtungen wie Schulen, Museen oder Sportplätze zu betreten, die systematische Enteignung von jüdischem Besitz, 1942 begannen die ersten Transporte in die Vernichtungslager.

Auch in der Kulturstadt Weimar wurde die Verfolgung organisiert und durchgeführt und konnte mehr oder weniger ungehindert vonstattengehen. Die permanente Stigmatisierungs- und Isolierungspraxis der mit einem gelben Stern gekennzeichneten Bevölkerungsgruppe endete in fast allen Fällen mit der Deportation und dem sicheren Tod.

Seit 2007 wurden und werden in Weimar – wie an vielen Orten in Europa – auf Initiative des Künstlers Gunter Demnig 46 Stolpersteine verlegt, die an die Schicksale jüdischer Menschen erinnern.

Zu einem besonderen stillen Gedenken an die Opfer des Holocaust laden in diesem Jahr drei Weimarer Gruppierungen ein.

„Wir rufen die Weimarer Bürgerinnen und Bürger dazu auf, sich den Stolpersteinen zu widmen, die durch Witterungseinflüsse ihren Glanz verloren haben. Nehmen Sie sich in den nächsten Tagen eine halbe Stunde Zeit, reinigen einen Stolperstein und stellen Sie am 9. November eine Kerze neben den Stein.

So können wir gemeinsam die Stolpersteine wieder besser sichtbar machen und die Erinnerung an die verfolgten und ermordeten jüdischen Mitmenschen der Stadt wachhalten“, so Jonny Thimm vom Verein Lernort Weimar, Ramon Seliger von der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde und Marleen Bax vom Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus Weimar.

Eine Anleitung zum Säubern der Stolpersteine ist hier zu finden.

Eine digitale Karte der Weimarer Stolpersteine mit Vermerken, welche geputzt werden müssen, findet sich hier.