Wortlosigkeit um eine verlorene Schwester

Wally Goldschmidt

Worte sind mächtige Werkzeuge. Wer lenkt, worüber gesprochen und worüber geschwiegen wird, der prägt, was kommende Generationen denken, glauben, wie sie handeln.
Was muss geschehen, um einer Frau die Worte über das Leben und Sterben ihrer Schwester zu nehmen? Wally Goldschmidt litt im Dritten Reich, doch zeugt hiervon keine persönliche Zeile, kein Bild, kein Brief, nichts. Ihre Schwester Katarina, die mit Not und Glück überlebt hatte und an ihrer Statt hätte reden können, vermochte nur in dürren Sätzen von Wallys Schicksal zu sprechen. Vielleicht erinnerte es sie zu sehr an die eigene Leidenszeit.
So haben wir eine Frau vor uns, deren Kindheit und Jugend nachzuzeichnen sind, doch von ihrem Leben im Dritten Reich berichten nur: Melderegister und eine Deportationsliste.

Einige sorglose Jahre

Wally und Katarina Goldschmidt (© K. Becker-Uffrecht)

1891, an einem frostigen Januartag, wird Wally im kleinen Städtchen Uslar geboren. Schon ein Jahr später bekommt Wally eine Schwester, Katarina. Die beiden leben mit ihren Eltern, Julius, ein Rechtsanwalt, und Henriette, unbeschwert und finanziell abgesichert in Elberfeld.1
Als Wally zwei Jahre alt ist, verliert sie ihren Vater; er stirbt mit nur 32 Jahren an einer nicht erkannten Rippenfellentzündung. In Trauer ziehen Wally und Katarina mit ihrer Mutter zu deren Eltern, Elias und Pauline Rosskam, nach Scherfede bei Göttingen. Die wohlhabenden Rosskams besitzen eine Wollfabrik und können für die junge Familie sorgen.
Doch ist das Haus der Großeltern nur eine Zwischenstation: Ein Streit lässt die Mutter die Sachen packen und mit den Kindern nach 1896 Weimar in ein Haus ziehen, das wahrscheinlich Verwandten gehörte. Der familiäre Zwist ist schnell beigelegt, doch soll die Weimarer Bleibe für Wally, Katarina und ihre Mutter ein neues Zuhause werden. Das Vermögen der Mutter sichert ihnen ein angenehmes Leben.

Wally Goldschmidt mit ihrer Mutter Henriette (© K. Becker-Uffrecht)
Das „gastlich Haus“ in der Martersteigstraße (© K. Becker-Uffrecht)

In ihrem „gastlich Haus“2 in der Martersteigstraße 6 empfangen sie viele Freunde und Bekannte, zwei ältere Frauen werden täglich zum Mittagstisch eingeladen und mitversorgt. Es muss eine fröhliche und sorglose Zeit gewesen sein. In Weimar gehen Wally und Katarina zur Schule. Sie finden Freunde, erkunden die Stadt, erträumen sich ihr Leben: Katarina beschließt, an der neu gegründeten Kunstgewerbeschule Henry van de Veldes zu studieren – ein mutiger Schritt, denn der frische Wind, den van de Velde in die Kleinstadt bringt, ist bei vielen Bürgern nicht willkommen. Neu und unerhört ist auch, dass Frauen nun studieren dürfen. Die aufgeschlossene Katarina zieht es zur Kunst und in die Welt hinaus – nach ihrem Diplom als Keramikerin verlässt sie Weimar. Sie findet Arbeit in Haldensleben, gründet dort mit Theodor Uffrecht, einem Kunstmaler, eine Familie und kehrt nur mehr als Besucherin nach Thüringen zurück.

Wally Goldschmidt (© K. Becker-Uffrecht)

Wally bleibt in Weimar, bei der Mutter. Fotos aus der Zeit zeigen eine junge, etwas schüchtern wirkende Frau. Mit warmen braunen Augen schaut sie uns zurückhaltend, vorsichtig an. Vielleicht ist es dieser Wesenszug, der sie im gewohnten und geliebten Umfeld bleiben lässt. Jedenfalls: Sie bleibt und erlebt in Weimar, in der Blüte ihres Lebens, den ersten Weltkrieg.
Die Vormundschaft über das Erbe der Kinder liegt bei Henriettes Bruder, der, deutsch-national gesinnt, das gesamte Kapital als Kriegsanleihe zeichnete. Hinzu kommt die Inflation. Zu Kriegsende ist das Vermögen aufgebraucht.
Von nun an muss Wally für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Der Krieg hieß für sie: sozialer Abstieg.

Mutter und Tochter im Ilmpark (© K. Becker-Uffrecht)

1926, Wally ist 35 Jahre alt und unverheiratet, stirbt ihre Mutter nach langem Krebsleiden. Nunmehr allein, zieht Wally „in eine kleine Kammer“ unter dem Dach der Prellerstraße 14 und arbeitet auf einem Friedhof.
Hier beginnt das Schweigen. Von nun an spricht vor allem die NS-Verwaltung über sie. Wie es ihr in den nächsten Jahren ergeht, können wir nur vermuten.
Thüringen ist eines der ersten Länder mit einer nationalsozialistischen Regierung; Weimar heißt Hitler sogar schon 1925 willkommen und stellt der NSDAP im folgenden Jahr das Nationaltheater für ihren Reichsparteitag zur Verfügung. Wie überall kämpfen hier Nationalsozialisten um Präsenz auf der Straße, um Posten, Ämter, Anhänger und Zuhörer – um Macht. Weimar aber, die Hauptstadt des seit 1924 von Nationalkonservativen regierten Landes Thüringen, überlässt den Nazis von all dem besonders viel. Wally hat das vor Augen, und es muss ihr, die sie den jüdisch klingenden Namen Goldschmidt trägt, Angst machen, die Nazis wieder und wieder unter Jubel auf den Plätzen der Stadt aufmarschieren zu sehen.

Die Zeit der Angst …3

Der alltäglich erlebte Antisemitismus verschärft sich bei Einzug der NSDAP in die Thüringer und die Reichsregierung durch politisch verordnete Drangsalierungen: Stück für Stück werden Wally Freiheit, Selbstbestimmung und Lebensfreude genommen. Ab 1933 werden „Ariernachweise“ gesetzlich erfordert. Wally, die in früher Kindheit evangelisch getauft und entsprechend erzogen wurde, gilt aufgrund ihrer jüdischen Vorfahren als Jüdin. Ihr Heimatort verwandelt sich von einem ehemals gastfreundlichen Zuhause in eine abweisende, sie ausgrenzende Stadt: Immer mehr Geschäfte, Cafés und Restaurants stellen Schilder mit „Juden nicht erwünscht“ aus, auch an den Zufahrtsstraßen Weimars stehen sie. Im Schwanseebad soll sie nicht mehr schwimmen, und von 1938 an darf sie keine Konzerte und Ausstellungen mehr besuchen, Filme und Theaterbesuche sind ebenfalls untersagt.
Wir wissen nicht, woran Wally Freude hatte und was sie gern unternahm – ob sie schwimmen ging, gern Filme sah oder sich mit Freunden im Café traf –, doch hat sie mit Sicherheit unter den Repressionen gelitten.
Ihrer Schwester ergeht es ähnlich: Ihr Mann Theodor weigert sich, sich von seiner Frau zu trennen. Daraufhin wird ihm als Maler die Mitgliedschaft in der Kunstkammer gekündigt. Damit ist ihm untersagt, mit dem Malen Geld zu verdienen. Die vielköpfige Familie leidet bittere Not und Hunger; begleitet von der stetigen Angst, Katarina und die Kinder könnten deportiert werden. Vor dem Tod bewahrt sie wohl nur die mutige Standhaftigkeit des als „arisch“ geltenden Familienvaters und die Bekanntheit der Uffrechts im kleinen Haldensleben.

… und der Verzweiflung

Einen solchen Rückhalt und Schutz hat Wally nicht, doch sucht auch sie die Nähe zur Familie. Bis 1937 ist sie in der Prellerstraße gemeldet, dann taucht ihr Name in den Unterlagen des Geraer Melderegisters auf: Ende der dreißiger Jahre wohnt sie in der Tivolistraße 8 bei den Verwandten Gustav Hauptmann und Rosalie, eine geborene Goldschmidt. Das alte Paar ist krank und benötigt Hilfe und Pflege. Ihr Sohn Max Carl Hauptmann, ein Geraer Rechtsanwalt und Notar, konnte 1937 noch nach Argentinien emigrieren. Er bemüht sich in den Folgejahren mehrmals, seine Eltern nachzuholen – vergeblich. Doch bleibt Wally nur kurze Zeit bei Tante und Onkel, da 1939 die in Gera verbliebenen Juden gezwungen werden, in sogenannte Judenhäuser zu ziehen. Die Hauptmanns müssen in die Zschochernstraße 32 – das Haus, das ihrem Sohn bei dessen Emigration genommen wurde. Wally zieht in die Bachgasse 9 und wohnt hier mit Paula Fischmann, die in Wallys Alter ist, und ihren Töchtern Marion und Evelin. Im letzten Winter ihres Lebens friert sie erbärmlich, hungert, ist von Elend umgeben. Sie darf nur noch von 16 bis 17 Uhr einkaufen, den Wohnbezirk ohne polizeiliche Genehmigung nicht mehr verlassen, erhält keine Reichskleiderkarten, muss im eisigen Januar 1942 alle Woll- und Pelzsachen abliefern, den Judenstern tragen, Beschimpfungen über sich ergehen lassen, ist recht- und schutzlos. Im Frühjahr 1942 erhält die 51-Jährige den Bescheid, sich zur Deportation hinter der Geraer Johanniskirche einzufinden. Der Zug geht nach Weimar, wo aus ganz Thüringen Menschen in der Viehauktionshalle gesammelt werden. Dort harrt Wally am 10. Mai 1942 mit Hunderten anderen stundenlang aus, wird überprüft, gegängelt, muss Schmuck und letzte Wertsachen abgeben. Schließlich wird sie über Leipzig ins Ghetto Belzyce deportiert. Im Oktober 1942 verübt die SS dort Massenmorde. Wer diese überlebt, kommt im KZ Majdanek oder bei Zwangsarbeit und weiteren Massakern in Belzyce um. Unter den Ermordeten ist auch Wally Goldschmidt.

Von den 1002 Menschen, die den Zug nach Belzyce besteigen mussten, überlebten fünf.

Auch Katarina überlebt die NS-Zeit. Doch wird ihr die Kraft fehlen, das Schicksal ihrer Schwester in Worte fassen zu können.

 

1 Seit 1930 ist Elberfeld ein Teil der Gemeinde Wuppertal.

2 Alle Zitate stammen aus den Erinnerungen von Katarina Goldschmidt, Sammlung Kristine Becker-Uffrecht.

3 Zitiert aus Ein Stolperstein für Wally Goldschmidt von Kristine Becker-Uffrecht, S. 3

Quellen:

Alle Bilder stammen aus der privaten Sammlung Kristine Becker-Uffrechts; ebenso die Zitate aus den Erinnerungen ihrer Großmutter Katarina Goldschmidt.
Kristine Becker-Uffrecht: Ein Stolperstein für Wally Goldschmidt, 2014

Carsten Liesenberg, Harry Stein: Quellen zur Geschichte Thüringens: Deportation und Vernichtung der Thüringer Juden 1942, Landeszentrale für politische Bildung, Erfurt 2012

Erika Müller, Harry Stein: Jüdische Familien in Weimar, Stadtmuseum Weimar 1998

Gespräch mit Matthias Weibrecht, Gera; Januar 2016

Werner Simsohn: Juden in Gera, Bd. 1, Hartung-Gorre-Verlag, Konstanz 1997

Sebastian C. Dewaldt, Heiko Ziemer: Jenaer Studien zur Geschichts- und Staatswissenschaft – Diskriminierung und Ausgrenzung per Gesetz: Schicksale jüdischer Notare und Konsulenten im OLG Bezirk Jena zur Zeit des Nationalsozialismus, Societas, Jena 2014, S. 52 f.

http://www.gera-chronik.de/www/gerahistorie/chronik/index.htm?suche1=Agnesstra%DFe&param=&suche2=&max=50&abj=0&index=0 (04.01.2016)